Der Himmel riss auf, als wir in Milano ankamen und schloss sich wieder als wir gingen.
Wollte man Milano beschreiben, dann wäre die Ästhetik ein alles verbindender Begriff.
Die Menschen auf den Straßen sind nicht einfach nur angezogen, sondern gekleidet, die Architektur mannigfaltig, oft experimentell, Kunst von den Römern bis in die Moderne und alles eingebettet in viel Grün.
Die erste Rosine, die wir rauspickten, war der Jugendstil, der im „Quartiere Liberty“ zu finden ist.
Wohlhabende Mailänder bauten sich damals, noch im außerhalb, im Grünen liegend, Anfang des letzten Jahrhunderts ihre ganz individuell gestalteten Stadthäuser. Ein Highlight ist die in 1930ern erbaute Villa Necchi-Campiglio. Bei den Erben des vermögenden Industriellen Necchi spielte Geld kein Rolle und so konnte der damals angesagte Architekt Portaluppi, der für seinen eleganten Mix aus Rationalismus, Art déco und spätem Liberty-Stil bekannt ist, völlig frei gestalten.
In der Villa und ihrem wunderschön gepflegten Garten kann man eintauchen und wird durch die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, bestens informiert.
Anschließend folgte ein wohlverdientes Lunch in einer kleinen Trattoria, die unsere müden Füße und Gemüter mit abwechslungsreichen Speisen wieder aufbaute.
Eine weitere Rosine ist die Renaissance Kirche San Maurizio, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und als die „Sixtinische Kapelle“ Mailands bezeichnet wird. Auch hier wieder eintauchen in eine andere Zeit, mit ihrer Art des Narrativs biblischer Inhalte und versehen mit denkwürdigen Details. Das Volk war von den jungen Novizinnen durch eine Mauer, mitten in der Kirche getrennt. In dieser war eine kleine Öffnung, durch die der Priester die Hostie and die jungfräulichen Nonnen aus gutem Hause verteilte.
Ein kulinarischer Höhepunkt war der Mittagsteller im vegetarischen Sterne-Restaurant „Joia“. Genuss pur, in reduzierter Umgebung, mit besten Service ließ uns ganz bei uns ankommen und das Leben leise feiern.
Der innere Genuss wechselte mit dem Staunen gegenüber dem, ab den 2010er Jahren gestalteten Areal bei der Porta Nuova ab. Große, sehr unterschiedlich aussehende Hochhäuser ziehen hier in Bann. Absolut einzigartig sind die 2 Bosco Vertikale Häuser, 111m und 76 m hoch, die mit 20.000 Pflanzen, darunter 800 Bäumen bepflanzt wurden , was 1h Waldfläche entspricht.
Klima unterstützende Bauprojekte, mit Blumenwiese und Wasserläufen gestaltet, machen dieses Viertel aus. Viel naturnaher Raum also zum Lustwandeln. Shoppen kann man an der Porto Nuova im Anschluss auch noch.
Im Grünen ist man auch im Parco Sempione, der an das riesige 575 Jahre alte Castello Sforzesco, anschließt. Hier zeigt sich die Macht und Gewalt der einflussreichen Familie Sforza, die zur Lebenszeit von Leonardo da Vinci hier wirkten und ihn auch mit Arbeiten beauftragten.
Heute findet sich hier u.a. ein Aussichtsturm und ein abwechslungsreiches Design-Museum.
Apropos Design blieb uns der Mund offen stehen in den „Armani Silos“, wo die Haute Couture Kollektionen von Giorgio Armani aus dem letzten 2 Jahrzehnten ausgestellt sind. Das Gebäude entspricht in seiner puren, luxuriösen Einfachheit den Kleidern. Die Perfektion, die Handarbeit und der lebendige Bezug zur weiblichen Schönheit hinterließ einen tiefen Eindruck, egal ob man Mode interessiert ist oder einfach offen für Kreativität.
Natürlich sind in diesem Atemzug die Galleria Vittorio Emanuele II. und die berühmte Via Napoleone zu erwähnen, die nahe am dem imposanten Mailänder Duomo liegen.
Unser Höhepunkt war hier allerdings die Ausstellung „Women Alchemists“ von Anselm Kiefer im Karyatiden-Saal des Palazzo Reale. Die kopflosen Karyatiden, eine Erinnerung an die Zerstörung im 2.Weltkrieg, inspirierten Kiefer 21 riesige Tafeln von Alchemistinnen, die Kiefer in unser Bewusstsein führt. In der Recherche zum Thema trifft man, wie so oft, auf die Alchemisten der verschiedenen Jahrhunderte. Erst in der fokussierten Suche nach den Frauen, findet man Hinweise und Quellen über diese besonderen Frauen, die den Menschen, mit ihren Mitteln und Tinkturen dienten, sich mitunter akademisch hervortaten oder einen okkult-suchenden Lebensweg beschritten.
Kiefers Schaffen liegen alchemistische Materialien und Techniken zugrunde, von den ursprünglichen Materialien, wie Erde, Asche, Stroh und Pflanzen bis in die geistige Dimension, ist das Gesamtwerk jenseits von limitierenden Worten, ein Ereignis. Blei und Gold, Tod und Auferstehung, Pflanzenvielfalt und durch das alles Schicksalsgesten, auf die wir uns als Besucher einlassen können. Kunst verändert, möge diese Ausstellung, nicht zuletzt unser historisches Gedächtnis erweitern und neu ausrichten.
Geschlafen haben wir gut, an dem lebendigen Ort, der „Cascina Cuccagna“, mitten in der Stadt, der ursprünglich ein Bauernhof war. Die Menschen dieses „Quartieres“ haben Gelder gesammelt und die Gebäude restauriert. Hier tobt das soziale Leben, mit kulturellen Events, Konzerten, Ausstellungen und Seminaren. Eine Bar lädt vom Frühstück bis zum Abend zum Verweilen ein. Das Essen im angrenzenden Restaurant ist -wieder einmal- kreativ und sehr schmackhaft zubereitet.
Im Trakt nebenan sind 4 Fremdenzimmer, mit den besten Betten, die uns ,trotz des umgebenden Stadtlärms, in tiefe Träume sinken ließen.
Als Schlusslicht sei die „Achtsamen Verkostung“ erwähnt. Erstaunlich, was der und die Teilnehmerinnen hier wahrnahmen. Das innere Licht, die Wärme und der Fluss von Lebenskraft teilte sich uns mit und wurde ganz individuell versucht, mit Worten zu beschreiben. Dankbar sind wir alle, für die Bauern, die uns samenfestes Gemüse, dass sich noch selbst vermehren kann, anbauen. Genuss und Essen, das unser inneres Wachstum begleitet, ist der Kern, warum Ines und Helena sich immer wieder auf den Weg und zu neuen Abenteuern machen.
Seid herzlich eingeladen, ob in der Natur oder in der Stadt, mit uns zu wandern, Euch wahrnehmend zu erleben und das Leben gemeinsam zu genießen.